
© 2026 Mag. MMSt. Joe Waitschacher â Institut fĂŒr SexualTherapie 4YOU
Alle Rechte vorbehalten. Verwendung, Bearbeitung und Weitergabe nur mit schriftlicher Genehmigung.
www.suchttherapie4you.com, www.sexualtherapie4you.at

đż Cannabis â Droge oder Heilpflanze?
Cannabis kann sowohl als berauschende Droge als auch in Form bestimmter Arzneimittel medizinisch eingesetzt werden. Ob der Konsum hilfreich, riskant oder bereits schÀdlich ist, hÀngt nicht allein von der Pflanze ab. Entscheidend sind vor allem der Zweck der Anwendung, der THC-Gehalt, die Dosierung, die HÀufigkeit, die Art der Einnahme sowie die körperliche und psychische Verfassung des Menschen.
Konsum, problematischer Gebrauch und AbhÀngigkeit
Nicht jeder Cannabiskonsum fĂŒhrt zu einer AbhĂ€ngigkeit. Problematisch kann der Konsum jedoch bereits sein, bevor alle Kriterien einer AbhĂ€ngigkeit erfĂŒllt sind beispielsweise dann, wenn Cannabis regelmĂ€Ăig eingesetzt wird, um Ăngste, innere Unruhe, Schlafprobleme oder belastende GefĂŒhle kurzfristig zu unterdrĂŒcken.
Die Substanz ĂŒbernimmt dabei zunehmend die Funktion einer BewĂ€ltigungsstrategie. Eine Panikattacke oder belastende Situation wird möglicherweise vorĂŒbergehend gedĂ€mpft, die eigentliche Ursache bleibt jedoch unbehandelt. Dadurch können wichtige Lernprozesse verhindert werden: Die betroffene Person erlebt nicht, dass eine schwierige Situation auch ohne Cannabis bewĂ€ltigt werden kann.
Von einer AbhĂ€ngigkeit spricht man unter anderem bei starkem Konsumverlangen, Kontrollverlust, Toleranzentwicklung, Entzugserscheinungen und fortgesetztem Konsum trotz erkennbarer Nachteile. Cannabis kann daher nicht nur zu einer psychischen, sondern auch zu einer körperlichen AbhĂ€ngigkeit fĂŒhren. Mögliche Entzugssymptome sind Reizbarkeit, Unruhe, Ăngstlichkeit, Schlafprobleme, verminderter Appetit und starkes Verlangen nach der Substanz.
Wenn Cannabis zur Selbstbehandlung wird
Menschen verwenden Cannabis mitunter zur vermeintlichen Selbstbehandlung von Angst, Anspannung, Schlafproblemen oder anderen Beschwerden. Die kurzfristige Erleichterung kann den Eindruck vermitteln, Cannabis sei die notwendige Medizin.
Bei hÀufiger Anwendung können sich jedoch Gewöhnung und Toleranz entwickeln, sodass zunehmend höhere Mengen benötigt werden, um dieselbe Wirkung zu erzielen. Gleichzeitig wird das Vertrauen in die eigene FÀhigkeit, Belastungen ohne Cannabis bewÀltigen zu können, immer geringer.
Langfristig ist es deshalb sinnvoller, die zugrunde liegenden Beschwerden gezielt zu behandeln. Je nach Ursache können Psychotherapie, Bewegung, Entspannungsverfahren, AtemĂŒbungen, Meditation oder eine Verbesserung der Schlafgewohnheiten hilfreich sein. Bei stĂ€rkeren oder lĂ€nger anhaltenden Beschwerden sollte eine Ă€rztliche beziehungsweise psychotherapeutische AbklĂ€rung erfolgen.
Cannabis, SexualitÀt und Internet
Cannabis kann das sexuelle Erleben kurzfristig verĂ€ndern. Manche Menschen berichten ĂŒber mehr Entspannung, eine intensivere Körperwahrnehmung oder ein subjektiv lĂ€ngeres sexuelles Erleben. Bei einem vorzeitigen Samenerguss kann dadurch vereinzelt der Eindruck entstehen, Cannabis wĂŒrde das Problem verbessern.
Wissenschaftlich ist Cannabis jedoch keine anerkannte Behandlung des vorzeitigen Samenergusses. Die bisherigen Forschungsergebnisse zu Cannabis und Sexualfunktion sind widersprĂŒchlich und beruhen teilweise auf persönlichen Befragungen.
Problematisch wird es, wenn sich SexualitĂ€t und Cannabiskonsum dauerhaft miteinander verbinden. Wird vor sexuellen Kontakten regelmĂ€Ăig Cannabis konsumiert, kann ein erlernter Kreislauf entstehen:
âOhne Cannabis kann ich mich nicht entspannen â ohne Cannabis funktioniert Sex nicht.â
Die betroffene Person verlĂ€sst sich zunehmend auf die Wirkung der Substanz, anstatt eigene sexuelle Sicherheit, Körperwahrnehmung und Kontrolle ĂŒber die Erregung zu entwickeln. Cannabis wird dann zu einer Voraussetzung fĂŒr SexualitĂ€t. Sex ohne Cannabis kann zunehmend als schwierig, wenig lustvoll oder kaum mehr möglich erlebt werden.
Langfristig können dadurch Schwierigkeiten mit Lust, Erektion, Orgasmus oder Ejakulation entstehen. Insbesondere tÀglicher Konsum wurde in Untersuchungen mit Problemen beim Erreichen des Orgasmus in Verbindung gebracht. Auch hinsichtlich der ErektionsfÀhigkeit gibt es Hinweise auf mögliche BeeintrÀchtigungen. Die wissenschaftliche Datenlage ist allerdings noch nicht in allen Bereichen eindeutig.
Kommt zusÀtzlich eine intensive Nutzung von Pornografie, sexuellen Chats oder anderen internetbezogenen sexuellen Reizen hinzu, können sich mehrere problematische Verhaltensweisen gegenseitig verstÀrken. Cannabis, sexuelle Erregung und digitale Reize werden miteinander gekoppelt. Dadurch können immer stÀrkere, hÀufigere oder wechselnde Reize notwendig erscheinen, wÀhrend partnerschaftliche SexualitÀt ohne Cannabis oder Internet zunehmend an Bedeutung verliert.
Es handelt sich dabei nicht automatisch um mehrere eigenstĂ€ndige AbhĂ€ngigkeitserkrankungen. Entscheidend sind Kontrollverlust, zunehmende gedankliche Fixierung, erfolglose Versuche der Reduktion und negative Auswirkungen auf Partnerschaft, SexualitĂ€t oder Alltag. Die ICD-11 fĂŒhrt zwanghaftes Sexualverhalten als eigenstĂ€ndiges Störungsbild, wenn ĂŒber lĂ€ngere Zeit die Kontrolle ĂŒber intensive sexuelle Impulse und Verhaltensweisen verloren geht und dadurch deutliche BeeintrĂ€chtigungen entstehen.
Solche erlernten VerknĂŒpfungen können psychotherapeutisch gut behandelt werden. Ziel ist es, Cannabis und digitale Reize schrittweise von der SexualitĂ€t zu entkoppeln, alternative Möglichkeiten der Entspannung zu entwickeln und wieder eine selbstbestimmte, nĂŒchterne und partnerschaftliche SexualitĂ€t zu ermöglichen. Wie rasch dies gelingt, ist individuell verschieden, erste VerĂ€nderungen können jedoch hĂ€ufig bereits frĂŒh in der Therapie erreicht werden.
Cannabis, Angst und Psychosen
THC kann Angst, Panik, Verwirrtheit, paranoides Erleben und vorĂŒbergehende psychotische Symptome auslösen. Das Risiko steigt insbesondere bei hohen THC-Konzentrationen, hĂ€ufigem Konsum, jungem Lebensalter sowie bei einer persönlichen oder familiĂ€ren Vorbelastung fĂŒr psychotische Erkrankungen.
Cannabis kann bei gefĂ€hrdeten Menschen eine Psychose begĂŒnstigen, frĂŒher auslösen oder bestehende psychotische Beschwerden verstĂ€rken.
WĂ€hrend meiner frĂŒheren TĂ€tigkeit in der Suchthilfe habe ich wiederholt erlebt, dass einzelne Menschen Cannabis psychisch nicht vertrugen und mit ausgeprĂ€gter Angst, Kontrollverlust, ErinnerungslĂŒcken oder psychotischen Symptomen reagierten.
Wer bereits einmal eine solche Reaktion erlebt hat, sollte einen erneuten Konsum nicht verharmlosen. Auch nach lĂ€ngerer beschwerdefreier Zeit können hohe Dosen, psychische Belastungen oder der Mischkonsum mit Alkohol oder anderen Substanzen erneut eine Krise begĂŒnstigen.
Das GefĂŒhl, den Konsum diesmal unter Kontrolle zu haben, schĂŒtzt nicht zuverlĂ€ssig vor einer erneuten Reaktion. Manche Menschen vertragen THC ohne erkennbare psychische Probleme. Andere reagieren bereits auf geringe Mengen mit Angst, Misstrauen oder RealitĂ€tsverlust. Diese individuelle Empfindlichkeit sollte ernst genommen werden.
Medizinische Anwendung â aber nicht jede Anwendung ist Medizin
Cannabinoide besitzen medizinisch nutzbare Eigenschaften. Entscheidend sind dabei eine klare Diagnose, ein standardisiertes PrĂ€parat, eine ĂŒberprĂŒfbare Dosierung und eine fachĂ€rztliche Begleitung.
CBD wirkt im Gegensatz zu THC nicht berauschend. Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes frei erhÀltliche CBD-Produkt automatisch medizinisch wirksam oder risikofrei ist. Ein zugelassenes CBD-Arzneimittel wird beispielsweise bei bestimmten seltenen Epilepsieformen eingesetzt.
Auch cannabinoidhaltige Arzneimittel können Nebenwirkungen und Wechselwirkungen verursachen. Eine Àrztlich kontrollierte Behandlung mit einem zugelassenen Arzneimittel ist deshalb nicht mit dem eigenstÀndigen Rauchen, Verdampfen oder Essen von Cannabis gleichzusetzen.
Formen und Einnahme
Cannabisprodukte werden hauptsĂ€chlich aus den getrockneten BlĂŒten und teilweise aus den BlĂ€ttern der Pflanze hergestellt. Marihuana bezeichnet ĂŒberwiegend getrocknetes Pflanzenmaterial, wĂ€hrend Haschisch aus dem Harz beziehungsweise den harzhaltigen Pflanzenteilen gewonnen wird. Samen enthalten nur minimale oder keine nennenswerten Mengen an Cannabinoiden.
Cannabis wird unter anderem:
- geraucht,
- verdampft,
- gegessen,
- ĂŒber GetrĂ€nke aufgenommen,
- oder in medizinisch standardisierten PrÀparaten angewendet.
Beim Essen oder Trinken setzt die Wirkung verzögert ein und kann lĂ€nger anhalten. Dadurch besteht die Gefahr, zu frĂŒh nachzudosieren und unbeabsichtigt eine zu hohe Menge aufzunehmen.
Beim Rauchen entstehen gesundheitsschÀdliche Verbrennungsprodukte. Wird Cannabis gemeinsam mit Tabak konsumiert, kommt zusÀtzlich das Risiko einer NikotinabhÀngigkeit hinzu.
Mögliche Wirkungen und Risiken
Die Wirkung von Cannabis ist nicht vollstÀndig vorhersehbar. Sie hÀngt von der Person, der Stimmung, der Umgebung, der Konsumform, der Dosis, der HÀufigkeit und insbesondere vom THC-Gehalt ab.
Mögliche Wirkungen sind:
- Entspannung und Wohlbefinden,
- verÀnderte Farb- und GerÀuschwahrnehmung,
- VerĂ€nderungen des Raum- und ZeitgefĂŒhls,
- gesteigerter Appetit,
- intensivere Körperwahrnehmung,
- verlangsamte Reaktionen,
- BeeintrÀchtigungen von Aufmerksamkeit, GedÀchtnis und Koordination.
Mögliche unerwĂŒnschte Wirkungen sind:
- Angst- und PanikzustÀnde,
- Herzrasen und Kreislaufbeschwerden,
- Konzentrations- und GedÀchtnisprobleme,
- Antriebslosigkeit und sozialer RĂŒckzug,
- Kontrollverlust,
- AbhÀngigkeit und Entzugsbeschwerden,
- paranoides Erleben,
- psychotische Symptome,
- BeeintrÀchtigungen der Sexualfunktion,
- erhöhte Unfallgefahr, besonders im StraĂenverkehr.
Ein positiver THC-Nachweis kann noch lĂ€ngere Zeit nach dem Konsum bestehen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass weiterhin eine Rauschwirkung vorliegt. Die gelegentlich behauptete ErklĂ€rung, THC werde plötzlich aus dem Körperfett freigesetzt und verursache dadurch typische âFlashbacksâ, ist wissenschaftlich nicht ausreichend belegt.
Meine Haltung
Cannabis ist weder grundsĂ€tzlich harmlos noch grundsĂ€tzlich nur gefĂ€hrlich. Ein gelegentlicher Konsum fĂŒhrt nicht bei jedem Menschen zu Problemen. Besonders vorsichtig sollten jedoch Menschen sein, die bereits mit AngstzustĂ€nden, Panikattacken, psychotischen Symptomen, sexuellen Funktionsproblemen oder Kontrollverlust reagiert haben.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur:
âWie viel wird konsumiert?â
Ebenso wichtig sind die Fragen:
âWarum konsumiere ich?â
âWelche Funktion erfĂŒllt Cannabis in meinem Leben?â
âKann ich mich auch ohne Cannabis entspannen, schlafen oder SexualitĂ€t erleben?â
Wird Cannabis immer wieder benötigt, um GefĂŒhle zu regulieren, Belastungen auszuhalten, schlafen zu können oder SexualitĂ€t zu ermöglichen, sollte dies ernst genommen und fachlich abgeklĂ€rt werden.
Nicht Verurteilung, sondern ehrliche Information, frĂŒhzeitige Diagnostik und passende UnterstĂŒtzung helfen dabei, Risiken zu erkennen und neue Möglichkeiten im Umgang mit Belastungen, SexualitĂ€t und Beziehungen zu entwickeln.

Interesse an einem Angebot?
Gerne informiere ich Sie persönlich ĂŒber sexualpĂ€dagogische Angebote, Schulungen sowie Fort- und Weiterbildungen.